Gespräch mit dem Musikpublizisten
Martin Wilkening
Stefan, die Musik der slowenischen Komponistin Larisa Vrhunc beschäftigt dich ja schon einige Zeit. Du hast ihr Stück „Na vetru (Im Wind)“ oft im Konzert aufgeführt und auch auf deiner CD „Nacht und Träume“ eingespielt. Die Anregung zu „Pietà“ kam direkt von dir, und das Stück ist dir auch gewidmet.
10 Jahre musste ich warten auf dieses Stück, das Larisa für mein Projekt AUF DEM WEG ZUR PIETÀ geschrieben hat, zu dem mich die Pietà-Gruppe des Hans von Judenburg aus dem Dom zu Bozen inspirierte. Ende 2019 hielt ich dann die lange erwarteten Noten in der Hand und war zunächst erschrocken über das, was ich mir da „bestellt“ hatte – es erschien mir beim ersten Lesen sehr schwer, fremdartig, bis in den einzelnen Klang hinein unverständlich. Nun lag das Stück einige Wochen herum, bevor ich mich etwas verzweifelt daran machte. „Ich musste es doch spielen, immerhin hatte ich es bestellt“.
Anfang 2020, im ersten Lockdown, begann ich das Üben, es war eine ratlose Zeit, alle Konzerte waren abgesagt und ich wollte etwas Sinnvolles tun. Die erste Zeit des Übens war eine Katastrophe, ich kapierte gar nichts, musste jede Anweisung neu erlernen. So vergingen ein paar Tage, aber dann ging das Lernen immer schneller. Und das war eine großartige Erfahrung. Konnte ich anfangs nur 5 Minuten an dem Stück arbeiten, gelang es mir nach wenigen Wochen das Stück ganz zu spielen, und heute ist es so als ob ich es schon immer gespielt hätte.
Die Uraufführung fand dann im selben Jahr in Ljubljana statt.
Die Reise zum Konzert war etwas abenteuerlich, Coronazeit. So war der Wurzenpass, über den ich eigentlich fahren wollte, gesperrt (was ich erst erfahren habe, als ich kurz davor war), und wenige Tage nach dem Konzert waren die Grenzen komplett geschlossen.
Larisa hatte die Uraufführung am 15. September 2020 in der Franziskaner-Kirche im Zentrum von Ljubljana organisiert. Das Konzert, zu dem ich mehrere Stücke aus meinem Programm AUF DEM WEG ZUR PIETÀ spielte, wurde vom Staatlichen Slowenischen Rundfunk aufgezeichnet und später gesendet. Die jüngere Tochter von Larisa las dazu Texte aus dem Stabat Mater.
Du hast von den Anfangsschwierigkeiten beim Erarbeiten des Stücks gesprochen. Die Partitur ist ja in einer doppelten Notationsweise angelegt, auf einem System mit dem klanglichen Resultat und auf einem anderen System mit den spielpraktischen Anweisungen. Das hat vor allem mit der Scordatur zu tun, der Umstimmung von zwei Saiten, aber auch mit den stark differenzierten Arten der Tonerzeugung, an der die rechte und die linke Hand beteiligt sind. Könntest du dazu noch einmal ein Beispiel geben, was dir im Verlauf des Einstudierens eine besondere Erfahrung ermöglicht hat?
Ja das mache ich gern. Da ist gleich am Anfang der Partitur etwas, wenn Larisa schreibt „intense finger tap; both pitches should be audible“. Nur mit dem kräftigen Aufschlagen des Fingers der linken Hand soll also ein Zweiklang entstehen. Das ist man als Gitarrist so gar nicht gewohnt, mit einer Aufschlagbewegung zwei Töne zu erzeugen. Normalerweise benutzt man diese Art der Tonerzeugung bei einer Bindung, was heisst, ich schlage den ersten Ton mit der rechten Hand an den zweiten erzeuge ich nur mit Hilfe der linken Hand. Hier ist es so dass ich nur mit der linken Hand eine Bewegung machen soll und dabei sollen zwei Töne erklingen. Das geht, weil man es so machen kann, das beide Teile der abgegriffenen Saite schwingen. Ein Ton schwingt rechts vom Finger der linken Hand der andere links davon. Das erfordert ein ständiges gutes Hinhören und man muss sich immer wieder fragen, ob tatsächlich zwei Töne erklingen.
Das ist eine schöne Erfahrung, wie Larisa immer wieder neue Klänge sucht, denen ich nachspüren darf. Interessant ist zum Beispiel auch, wie durch das Entlangstreichen des Nagels der rechten Hand am Steg der Gitarre der Klang eines südamerikanischen Rhythmusinstruments, des Guiro, nachgeahmt wird. Und natürlich das Hören auf die Vierteltönigkeit, die wir ja so gar nicht gewohnt sind. Zwar höre ich sehr gern indische Sitar-Musik oder pakistanische Sufimusik, wie z.B. von Nusrat Fateh Ali Khan, aber wenn man dann selber Vierteltöne differenziert, ist das schon eine Herausforderung.
Den Bereich der Vierteltöne erschließt die Musik ja durch das Umstimmen. Die H-Saite wird um einen Dreiviertelton tiefer gestimmt. Das zielt direkt auf eine expressive Qualität, denn dadurch werden zwischen zweiter und dritter Saite in höherer Lage vierteltönige Melismen möglich, melodische Linien, die vom Ausdruck her die Sphäre orientalischer Musik berühren. Beim Hören klingt das ganz natürlich, wahrscheinlich auch, wenn man es einmal griff- und anschlagstechnisch, sozusagen vom Körper her, „begriffen“ hat. Vom Notentext her ist es wegen der Scordatur schwer zu verstehen. Diese melismatischen Motive bilden in der ersten Hälfte des Stückes eine klare horizontale Linie. Sie werden verlängert und verkürzt und einer ebenso deutlich ausgeprägten vertikalen Struktur gegenübergestellt, sechsstimmigen nachklingenden Akkorden. Das kann man als Wechselspiel von Expressivität und Gefasstheit verstehen, von Ausdruck und Verinnerlichung, wenn man so will, von Klage und Trost. Auf jeden Fall erschließt sich damit auch der ganze Bereich der Symbolik des Kreuzes. Und wenn wir die symbolische Ebene berühren: Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass der Tonraum, in dem sich diese Melismen entfalten, gerade sieben Vierteltöne umfasst. Die Sieben ist in theologischer Zahlensymbolik eine Zahl mit einer Fülle von Bedeutung, letztlich wohl ein Verweis auf die Einheit von menschlicher und göttlicher Welt.
Larisa schreibt im ursprünglichen Vorwort zum Stück, das die Zahl sieben eine wichtige Rolle im Aufbau des Stückes spielt. Für sie spiegeln sich darin die sieben Schmerzen Mariens ebenso wie die sieben Teile einer Vertikalen, die sie in der Pietà-Gruppe des Hans von Judenburg erkennt.
Die ja auch eine auffällig ausgeprägte Kreuzstruktur zeigt.
Ja, und noch einmal die Sieben, praktisch sogar das Kreuz: Für das ganze Stück wird die Gitarre im siebten Bund quer über die drei hohen Saiten mit einer Büroklammer präpariert, die die Schwingungen teilweise bricht und etwas Geräuschhaftes in den Klang bringt. Aber für mich gibt es, jenseits solcher abstrakten Symbolik, einen sehr direkten Zugang, für mich spiegelt Larisas Musik die ganze Sehnsucht und Tiefe der Pietà wieder. Larisa sagt, ihre Pietà hätte einen autobiographischen Anteil, wobei sie von der Krankheit ihrer Tochter sprach. Vom ersten Ton an, den ich spiele, empfinde ich eine meditative Stille, ein Hineingleiten in eine beobachtende Aufmerksamkeit. Mit der Pietà von Larisa Vrhunc konnte ich viel über Musik und mich erfahren.
Dieses Hineingleiten in einen anderen Bewusstseinszustand ist ja vielleicht auch etwas, das sich in der Form des Stückes selbst abspielt. Auf mich wirkt es zweiteilig, und beide Teile bilden sehr unterschiedliche Ausdrucksebenen. Im ersten Teil werden rein instrumental quasi vokale Linien innerhalb eines größeren Klangraumes gezogen. Dieser Klangraum ist durch die säulenhafte Architektur der nachklingenden Akkorde gekennzeichnet, aber auch durch Klänge, die entfernt an Glocken erinnern können, gebrochen durch etwas Geräuschhaftes. Die Komponistin schreibt auch selbst von der Erinnerung an Klänge „gebrochener Glocken“. Im zweiten Teil dann verschwinden diese quasi vokalen Motive völlig, die Musik wird insgesamt noch geräuschhafter, schattenhafter, und es tritt nun wirklich eine vokale Stimme hinzu. Aber, das ist paradox, abgelöst von körperhafter Schwingung und Resonanz, nämlich nur als Flüsterstimme. Das ganze wirkt wie ein Prozess zunehmender Konkretisierung des Ausdrucks, durch die Benennung im Wort, aber gleichzeitig geschieht dies als Verinnerlichung, wie für sich selbst, die äußerlichen Ausdrucksmittel werden mehr und mehr abgezogen, fast wirkt es beim Hören so, als erreichten die Klänge jetzt nur mehr aus großer Entfernung einen Innenraum.
Der Text – es sind aber nur wenige Schlüsselworte und einzelne damit verbundene Laute – kommt aus zwei Quellen. Der Text ist zum einen aus „Der Prophet“ von Khalil Gibran, dem Dichter-Philosophen aus dem Libanon. Larisa verwendet in ihrem Stück Fragmente aus „On Joy and Sorrow“, auf Deutsch „Von der Freude und vom Leid“. Diese Reflexion Gibrans stellt für mich eine Zusammenfassung der philosophischen und religiösen Aspekte der Pietà dar.
Das zweite Textfragment, das sie verwendet, sind zwei Zeilen aus dem Stabat Mater: „In me sistat dolor tui“ bzw. „Iuxta crucem tecum stare“. Es geht um die Identifikation im Schmerz – dem Schmerz einer Mutter über den toten Sohn.
Die ersten geflüsterten Worte, die man als Hörer deutlich versteht, sind „sorrow“ und „unmasked“ – was eine merkwürdige Beziehung zu unserer Dauermaskierung zeigt. „Unmaskierter Schmerz“? „Deine Freude ist dein unmaskierter Schmerz“, verkündet Gibrans Prophet seinen Zuhörern. Für ihn gehört beides zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz. Vielleicht noch ein paar Anmerkungen zu Khalil Gibran. Er wechselte in seinem nicht sehr langen Leben mehrmals zwischen dem Libanon und den USA und schrieb auf Arabisch und Englisch. Sein bekanntestes Buch „Der Prophet“ gehört zu den Klassikern der spirituellen Literatur. Auf Deutsch erschien der im Original englische Text zum ersten Mal 1925, fast zur gleichen Zeit wie Hermann Hesses „Siddharta“, mit dem er viele Gedanken teilt. Allein in den letzten zwanzig Jahren kamen neun neue deutsche Übersetzungen heraus, teilweise auch mit seinen eigenen mystischen Illustrationen. In seiner Meditation über Freude und Leid gibt der Prophet übrigens auch ein schönes Beispiel für die Verbundenheit von Freude und Schmerz in einer ganzheitlichen Sicht – ein Beispiel, das direkt die Musik und ein mit der Gitarre verwandtes Instrument heranzieht. Da heißt es:
„Ist nicht der Becher, der euren Wein fasst, dasselbe Gefäß,
das einst im Ofen des Töpfers gebrannt wurde?
Und ist nicht die Laute, die euch den inneren Frieden bringt,
aus demselben Holz, das einst mit Messern ausgehöhlt wurde?
Wenn ihr voll Freude seid, schaut tief in euer Herz,
und ihr werdet finden, dass nur das, was euch Leid bereitet hat, auch Freude beschert.“
Für mich ist es immer wieder eine große Freude, dass Larisa dieses Stück geschrieben hat. Ich erinnere mich gerne an die Tage in Ljubljana und hoffe, das Stück bald wieder und noch oft aufführen zu können. Auf meinem Youtube-Kanal ist eine Live-Einspielung des Stückes von einem Konzert im „Abraxas“ in Augsburg zu hören.